Jeden Tag Klassentreffen

Von Rick Noack

Jeden Tag Klassentreffen

Jeden Tag Klassentreffen

Von Rick Noack
Bild Von Rick Noack
„Dank Facebook weiß ich immer, wer gerade wo ist und was er da macht.“

<p>Unser Autor Rick Noack studiert seit zwei Jahren in Paris. Den Kontakt nach Hause und zu den alten Freunden aus der Schulzeit hat er trotzdem nicht verloren. Manchmal würde er sich wünschen, es wäre anders. Ein Erfahrungsbericht. <br><br><br><em>Von Rick Noack</em><br><br>Wer braucht eigentlich noch Klassentreffen? Wenn ich wissen möchte, wer einen Job gefunden hat, wer jetzt welche Freundin oder welchen Freund hat, dann gehe ich auf Facebook. Fertig. Dort muss ich keine quälenden Gespräche mit Menschen führen, die ich eigentlich nie wieder treffen wollte. Facebook ist effektiv. Und diskret. Statt lange höflich um die eigentlichen Fragen herumzureden, kann man gleich tief in den wirklich wichtigen Dingen herumwühlen: Urlaubsfotos, den neuen Freunden, der Anzahl der Likes unter dem neuen Profilfoto. <br><br>Vor zwei Jahren habe ich an einem deutschen Gymnasium Abitur gemacht. Ich erinnere mich noch genau, wie ich damals ein fürchterliches Foto von mir selbst mit meiner Abschlussurkunde postete. Meine Freunde drückten brav auf „Like“ und dachten sich wohl: „Was für ein Idiot!“. Es war ein höflicher Abschied. Und der Beginn einer Online-Beziehung. Ich bin kurz nach meinem Abitur von Zuhause weggezogen, manche meiner Mitschüler habe ich seitdem nie wieder gesehen. Und dennoch wache ich morgens manchmal auf und schaue ihren grinsenden Fotos ins Gesicht.<br><br>Ich bin oft auf Facebook, vielleicht ein wenig zu oft. Wenn ich mit Freunden über Mitschüler von damals spreche, kann ich stets Aufenthaltsort und aktuellen Ausbildungsstatus benennen.<br><br>Das erscheint unheimlich. Doch ohne Facebook und anderen soziale Netzwerken würde ich mich an viele Namen meiner ehemaligen Mitschüler nicht einmal mehr erinnern. <br><br>Besser ein oberflächlicher Kontakt als gar keiner<br>Eine gute Profilseite ist vergleichbar mit einem Briefkasten, der bemalt mit Vorschlägen ist, was man eigentlich auf die Postkarte schreiben könnte. <br><br>Im Mai schrieb ich zum Beispiel eine Nachricht an einen Freund, dem ich seit zwei Jahren nicht mehr begegnet bin und begann sie folgendermaßen: „Lange nichts gehört. Ich habe gerade Dein Titelbild auf Facebook gesehen und wollte Dir nur sagen: Tolles Foto!“. Und schon hatten wir wieder ein Gesprächsthema, über das wir uns austauschen konnten. Ja, das ist oberflächlich. Aber andererseits: Ist ein oberflächlicher Kontakt nicht dennoch besser als ein abgebrochener? <br><br>Meine Eltern hatten es noch wesentlich schwerer, nach ihrem Abitur Kontakt mit ihren Mitschülern zu halten. Neulich stand ein alter Schulfreund meines Vaters vor der Haustür. Er sagte, er habe das gesamte Telefonbuch durchtelefoniert und sei alle „Noacks“ in meiner Heimatstadt abgefahren bis er bei uns vor der Haustür stand. <br><br>Andererseits bin ich manchmal ein wenig neidisch: Nach meinem Abi hätte ich gern einen Schlussstrich unter meine Schulzeit gezogen. Ich hätte gern gesagt: Es war schön, aber jetzt kommt etwas anderes. Doch das funktioniert heutzutage nicht mehr. Manchmal kommt es mir so vor als würde ich heute mehr über meine ehemaligen Mitschüler wissen, als damals – als ich ihnen noch täglich begegnet bin. <br><br>Aber wer weiß, in einigen Jahren könnte sich das vielleicht auszahlen. Man sagt ja, es kommt eine Zeit im Leben, da wünscht man sich nichts sehnlicher als wieder in die Schule zu gehen. <br><br><strong>Weiterführende Links:</strong></p><ul>
<li><a href="http://www.twitter.com/rick_n" target="_blank"><strong>www.twitter.com/rick_n</strong></a></li>
<li><a href="http://www.ricknoack.com" target="_blank"><strong>www.ricknoack.com</strong></a></li>
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