Hotel Mama oder lieber die eigenen vier Wände?

Hotel Mama oder lieber die eigenen vier Wände?

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© Daniel Scholz

Keinen Zentimeter Raum gab es mehr in der Küche. Die Besteckschublade war bis auf das letzte Teil leer. Kurzerhand ließ Philipp Herzog die Badewanne voll Wasser laufen und wusch die meterhoch gestapelten Teller und Pfannen in der Badewanne ab. So oder so ähnlich sehen viele Mittage nach WG-Partys aus. Nach dem Ende der Schule und mit Beginn der Ausbildung stehen viele junge Leute vor der Frage: Bleibe ich im Hotel Mama oder ziehe ich aus?

Madeleine Tischer wohnt mit 28 Jahren noch zu Hause. Die Kunsthistorikerin absolviert gerade ein Vorbereitungsspraktikum für ein Denkmalpflege-Aufbaustudium im Bauamt Großenhain. Nebenbei kellnert sie. Das Geld ist knapp und so war die Entscheidung für ein Wohnen im Hotel Mama schnell gefallen.  

Im Hotel-Mama ist Privatsphäre ein Fremdwort
„Ich zahle keine Miete und der Kühlschrank ist immer voll“, zählt Madeleine Fischer die Vorteile des Wohnens bei den Eltern auf. Morgens wird sie mit frischen Brötchen geweckt, in welcher WG gibt es das schon, fragt die Hotel-Mama-Bewohnerin. Doch so schön und kuschelig es im Schoß der Familie auch sein mag, hin und wieder nerven Madeleine die Fragereien der Mutti dann doch. Wo gehst du hin? Wann kommst du wieder? Privatsphäre ist ein Fremdwort. Von Männerbesuchen ganz zu schweigen. Regelmäßiges Erscheinen am Familien-Esstisch steht bei den Eltern hoch im Kurs.

Als Gegenleistung für den vollen Kühlschrank und die saubere Wohnung wünscht sich Madeleines Mama Anteilnahme am Familienleben. Zähneknirschend schleppt sich die 28-Jährige also Samstagmorgen um 9 Uhr durch die Gänge des Einkaufsmarktes.  

Das leidige Thema „Ordnung“
Um diese Zeit liegt der 24-Jährige Philipp Herzog in seinem WG-Zimmer und schläft die Folgen der Partynacht aus. Kurz vor dem Start ins erste Semester sagte der Politikwissenschaftstudent seinem Elternhaus Lebewohl. Obwohl er seine Eltern regelmäßig besucht, kann er es sich nicht vorstellen, wieder zu Hause zu leben. Klar sind der immer volle Kühlschrank und die stets geputzte Küche schlagende Argumente dafür, wie er berichtet. Doch auf Dauer zieht er die eigenen vier Wände vor. Als einzigen Nachteil am WG-Leben sieht der frischgebackene Bachelor-Absolvent das leidige Thema „Ordnung“. Lebende Teller und exotische Schimmelkulturen im Kühlschrank gehören zum WG-Alltag. Aber das immer jemand zum Reden da ist, ist für Philipp viel wichtiger.

Julia Oliver-Vollmer

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