Gewalt an Rettungskräften

DGB-Initiative „Vergiss nie. Hier arbeitet ein Mensch"

Bild DGB-Initiative „Vergiss nie. Hier arbeitet ein Mensch"

Wer mit den Begriffen Beruf und Gewalt konfrontiert wird, dem werden wahrscheinlich eher subtile Formen des Mobbings in den Sinn kommen. Sprich: Verdeckte oder offene Schikanen, Bloßstellungen oder Demütigungen durch Vorgesetzte oder Kollegen. Die wenigsten werden Bilder offener Beleidigungen oder gar tatsächlicher physischer Gewalt vor Augen haben. Wer sich nun aber die Berichterstattung in Internet und Presse in Erinnerung ruft, wird schnell eines Schlimmeren belehrt. Gemeint sind die Übergriffe auf Feuerwehrleute, Sanitäter oder auch Polizisten. Der gängigen Verdrängungsarbeit und Bagatellisierung entgegnet der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) mit der Initiative "Vergiss nie. Hier arbeitet ein Mensch" und verleiht den Gewalterfahrungen ein Gesicht.

Verrohung in der Mitte der Gesellschaft

Von den im Öffentlichen Dienst Beschäftigten gaben in einer Umfrage immerhin 57 Prozent an, schon Grenzüberschreitungen in Form von Beleidigungen oder offener physischer Gewalt erfahren zu haben. Wenig überraschend waren es vor allem Polizisten und Polizistinnen, die zum Teil massiver Aggressionen ausgesetzt waren; aber auch Bahnbedienstete klagen über eine zunehmende Verrohung. Fortgesetzt wird die Liste durch Angestellte aus den Bereichen Brandschutz und Rettungsdienste, von denen 64 Prozent der Befragten angaben, mindestens einmal Opfer von Gewalt geworden zu sein.

Die Liste und die damit zusammenhängenden Zahlen lassen allenfalls erahnen, welches Leid mit den beruflichen Grenzerfahrungen verbunden ist. Nahezu 30 Prozent der Opfer wurden krankgeschrieben, aber selbst diese Zahl sagt im Grunde wenig aus: Psychische Leiden und seelische Spätfolgen, die naturgemäß schwerer zu bestimmen sind, werden teilweise gar nicht behandelt und belasten die Angestellten mitunter über Jahre. Die Folgen sind dauerhafter Stress, psychosomatische Beschwerden oder Schlafstörungen.

 

Gewalt gegen Rettungskräfte nimmt zu – der DGB setzt ein Zeichen

Gewalt gegen Rettungskräfte nimmt zu – der DGB setzt ein Zeichen

Übergriffe gegen Sanitäter und Polizisten

Die Initiative "Vergiss nie, hier arbeitet ein Mensch" des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) versucht nun, auf unterschiedlichen Kanälen gegen diese Verrohung vorzugehen. Dabei geht es dem DGB eben nicht nur um die höhere Gewaltbereitschaft innerhalb der Gesellschaft, sondern um das gesamtgesellschaftliche Klima, in dem Verrohungstendenzen um sich greifen. Der DGB ist sich dabei bewusst: Die Zahlen erfassen die Problematik nur nüchtern und objektiv: 1.664 Gewaltdelikte gegenüber Polizisten werden etwa für das Jahr 2018 dokumentiert, dazu über 1.000 Beleidigungen. Da es gerade die subjektiv erzählten Erlebnisse sind, welche die in Zahlen erfassten Exzesse begreifbar machen, will der DGB diesen Statistiken ein Gesicht geben und bittet Betroffene, von unmittelbaren Schikanen und Gewalt zu berichten. Nicht Statistiken, sondern persönliche Schicksale erwecken Empathie und Mitgefühl. 
 

Verrohung in der Mitte der Gesellschaft

Verrohung in der Mitte der Gesellschaft

Strukturelle Versäumnisse

Bleibt die Frage, warum und in welchem gesellschaftlichen Klima diese Primitivisierungstendenzen so grassieren können. Die Erklärung des DGB nennt strukturelle Probleme. Elke Hannack, stellvertretende DGB-Vorsitzende, sieht die Opfer als "Blitzableiter für Versäumnisse", welche die Politik zu verantworten habe. Gemeint seien die Kosteneinsparungen, die vielen Bürgern nur ein Bild maroder Staatlichkeit vermitteln: Der fehlende Kita-Platz, ausfallende Züge oder die Unmöglichkeit, auch kurzfristig einen Termin auf einem Amt zu bekommen - rigide Sparkurse und ein chronischer Personalmangel werden als Gründe einer zunehmenden Enthemmung innerhalb der Gesellschaft angeführt.

Trotzdem oder gerade deswegen bleibt die Psyche der Gewalttäter im Grunde eine Art Blackbox. Nicole Steingaß, Staatssekretärin im Innenministerium in Rheinland-Pfalz, spricht von Frustration, Unzufriedenheit und Drogen als Gründe für die Verrohungstendenzen. Aber letztlich münden diese Antworten auch nur wieder in weitere Fragen, da etwa Substanzmissbrauch schon seit je gesellschaftlich geduldet, wenn nicht sogar institutionalisiert ist. 

Alles in allem dürften dann auch unterschiedliche Tendenzen hier zusammenkommen. Die zunehmende Polarisierung der Gesellschaft, die sich im Alltag auch in einem primitiven Freund-Feind-Denken äußert; aber auch die Entwertung von Staat und staatlichen Institutionen, als deren Vertreter Feuerwehrmänner, Sanitäter und vor allem Polizisten ("All Cops are Bastards") wahrgenommen, angefeindet und drangsaliert werden.

Galt früher der kindliche Berufswunsch oftmals den oben genannten Anstellungen, so sind diese Berufsbilder in den Augen vieler nur noch Abkömmlinge eines als verachtenswert wahrgenommenen Gemeinwesens. Dem DGB ist dabei zu danken, dass er die statistisch erfassten Gewalttaten aus dem Nebel abstrakter Zahlen holt und in Geschichten erfahrbar macht. Damit wird klar, dass es nicht Institutionen und anonyme Sachwalter sind, die diesen Staat tragen, sondern Menschen.

 

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