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Fuckup Nights

Scheitern macht klug

Foto: product school / unsplash
Foto: product school / unsplash

Es kann mies laufen, manchmal auch richtig schlecht und in einigen Fällen ist alles komplett zum Scheitern verurteilt. Nicht jedes Start-up und nicht jede Unternehmung ist eine Erfolgsgeschichte. Es gibt genug Beispiele, in denen einfach alles an die Wand gefahren wurde. Manchen mag das peinlich sein, andere wiederum reden darüber, ganz offen - und auf einer Bühne. Und wenn mehrere das an einem Abend tun, nennt sich so etwas Fuckup Night und ist Beispiel für lehrreiche Unterhaltung.

Scheitern wird Salonfähig

Es mag sie ja geben, die schillernd bunte Arbeitswelt mit glücklichen Gesichtern, wie sie uns auf zahllosen Stockfotos in Hochglanzbroschüren und Webseiten entgegenlächeln. Abseits davon gibt es aber auch genug Gegenbeispiele, in denen gar nichts nach Plan verlief, in denen schief ging, was nur schiefgehen konnte. Auch wenn es sich im ersten Moment so anfühlt, ist doch niemand mit seinem kläglichen Scheitern allein. Bei der Fuckup Night trifft sich, wer versagt hat und sein Scheitern auf die Bühne bringen möchte. Die Misserfolge im Berufsleben müssen kein Tabu-Thema sein. Wer über sie spricht, macht reinen Tisch, zieht seine Schlüsse und gibt wertvolle Erfahrungen an sein Publikum weiter. 

Die Fuckup Nights werden seit etwa zwei Jahren auch in Deutschland immer populärer. Das Konzept stammt aus Übersee. Aber nicht aus den USA, wie man zunächst glauben könnte, sondern aus Mexiko. Dort trafen sich irgendwann im Jahr 2012 ein paar Freunde in Mexiko Stadt, um bei ein paar Drinks vom Scheitern ihrer Unternehmungen zu plaudern. Dabei wurde ihnen bewusst, wie gut es ihnen tat, offen darüber zu sprechen, statt zu verschweigen. Das Konzept der Fuckup Nights war geboren und verbreitete sich zusehends über den Globus. In mehr als 100 Städten werden heute derartige Veranstaltungen durchgeführt. In Deutschland, wo entsprechende Komplexe naturgemäß stark ausfallen können, sind mittlerweile Großstädte vertreten, wie

  • Berlin
  • Frankfurt am Main
  • München
  • Stuttgart und
  • Düsseldorf.
Gescheitert und reif für die Bühne: Fuckup Nights / Foto: bogomil mihaylov / unsplash

Gescheitert und reif für die Bühne: Fuckup Nights / Foto: bogomil mihaylov / unsplash

Es ist nicht aller Tage Ende ...

... aber dazwischen ist noch Platz für eine Fuckup Night. Bleibt die Frage, was genau man sich darunter ganz konkret vorstellen darf. Was sie ganz sicher nicht sind: Eine Selbsthilfegruppe oder eine Veranstaltung für eher schadenfreudige Zeitgenossen. Vielmehr wird dem Misserfolg hier ein humoristischer Anstrich gegeben. Die Abende sind also in aller Regel von Selbstironie und unfreiwilliger Komik, die erst im Nachhinein ihrer Bestimmung zugeführt wird, geprägt. Komisch sein auch dann, wenn der Anlass eher deprimierend sein mag, denn daran liegt die Kunst der Sache. 

In lockerer Atmosphäre treffen sich bis zu drei Sprecher, um die Geschichten ihres Scheiterns zu erzählen. Jedem der drei Sprecher wird eine bestimmte Redezeit zuteil, die meist zwischen 10 und 15 Minuten liegt. Dass diese Grenzen gerne überschritten werden, darf mittlerweile aber als normal angesehen werden. Unterstützend zum Vortrag dürfen auch Präsentationen verwendet werden, um den Vorgang des Scheiterns anschaulicher und, ja, auch unterhaltsamer zu machen. Schließlich kommt niemand hier her, um sich vor dem versammelten Publikum auszuheulen. Das Publikum bleibt bei alledem auch nicht passiv, denn sind die Vorträge beendet, darf es Fragen stellen. Und erfahrungsgemäß stellt das Publikum reichlich fragen.

Wer sitzt eigentlich bei einer solchen Veranstaltung im Publikum? Die Zielgruppe beschränkt sich nicht auf Gründer, selbstständige Unternehmer und Freiberufler. Auch Studierende, Angestellte und Berufseinsteiger finden sich sowohl auf der Bühne, als auch im Publikum. Scheitern kann man schließlich überall, unabhängig von beruflicher Position, Branche, Berufserfahrung und Stellung im Unternehmen. Folglich sind es nicht nur Start-ups, die hier von ihrer Bauchlandung berichten, sondern eine bunt gemischte Auswahl quer durch das Erwerbsleben.

 

Scheitern für Jedermann: Wozu das Ganze? Foto: tim mossholder / unsplash

Scheitern für Jedermann: Wozu das Ganze? Foto: tim mossholder / unsplash

Scheitern für Jedermann: Wozu das Ganze?

Ein wichtiger Grund, der für die Veranstaltung der Fuckup Night spricht, liegt darin, anderen die Angst vor Misserfolgen zu nehmen. Sie richtet sich also auch an jene, die sich vielleicht gerade auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs befinden, eine steile Karriere vorantreiben und voller Zuversicht in die Zukunft blicken. Das Scheitern sollte dabei nicht ausgeklammert werden, denn treffen kann es jeden. Sei es durch einen blöden Fehler, durch einen Schicksalsschlag oder die Verkettung unglücklicher Umstände. Die Fuckup Night zeigt konkrete Beispiele, wie es schiefgehen kann und wie andere damit umzugehen wussten. Wer sie besucht, möchte und kann aus den Fehlern anderer lernen, um so vielleicht selbst die eine oder andere missliche Lage elegant zu umschiffen. 

Die wenigsten Karrieren sind durch einen steten Aufwärtstrend gekennzeichnet. Überflieger müssen irgendwann einmal zurück zum Boden der Tatsachen, an der Karriereleiter ist mal eine Sprosse morsch und jede Überholspur nimmt einmal ein Ende. Wer sich angesichts des heute vorherrschenden Erfolgsdrucks die Angst vorm Scheitern nehmen möchte, tut gut daran, eine Veranstaltung wie die Fuckup Night zu besuchen. Denn eines sollte bei alledem klar sein: Mit dem Scheitern ist die Karriere nicht zu Ende. Es mag einen Knick geben oder eine unschöne Stelle im Lebenslauf. Mindestens aber eine Erfahrung, die einen gegen zukünftige Herausforderungen besser wappnet.

Für manche Redner ist eine Fuckup Night der entscheidende Schlussstrich, für andere der letzte Schritt vor einem Neuanfang. Andere wiederum haben den Neuanfang bereits hinter sich und sehen ihr Scheitern heute mit entsprechender Gelassenheit. Dem Publikum liefern die Vorträge währenddessen ein paar interessante Einsichten und nicht zuletzt auch eine Art Imprägnierung gegen das eigene Scheitern: Und wenn alles in die Binsen geht, so ist das doch kein Grund aufzugeben. Aufstehen, drüber lachen, weiter gehts!

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