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Neugierde

Warum die "kindliche" Erfolgseigenschaft so wichtig ist

Foto: jorge flores / unsplsh
Foto: jorge flores / unsplsh

Kaum eine Eigenschaft wird so zwiespältig interpretiert wie Neugier. Je nach Blickwinkel und Situation vermittelt sie Interesse und Gespanntheit oder Ungeduld, Taktlosigkeit und Kontrolle. Immer aber beinhaltet Neugierde ein hohes Maß an Energie. Ganz gleich, in welche Handlungen sie mündet: sie setzt Kräfte frei, von denen manche Menschen gar nichts ahnen. Wie ihr die aus Neugier resultierende Stärke bündeln und nutzen könnt, verraten wir euch hier.

Was heißt hier neugierig?

Die erste und scheinbar einfachste Frage ist zugleich die schwerste. Selbst Wissenschaftler haben darauf noch keine eindeutige Antwort gefunden. Fakt ist nur: Neugier ist angeboren – sowohl bei Menschen als auch bei Tieren. Das zeigt sich in so drolligen Bildern wie dem Krabbeln- und Laufenlernen; kann aber auch dramatisch enden, weil ein Kind auf die heiße Herdplatte fasst.

Anders als ebenfalls angeborene Instinkte oder Reflexe ist Neugierde ein Lernprozess. Er funktioniert in beide Richtungen: Zum einen gewinnen Neugierige an Wissen, das sie künftig anwenden können; zum anderen machen sie Erfahrungen, die nicht immer die besten sind und die Neugier eventuell bremsen. Auch dieser Aspekt hat zwei Seiten: In erster Linie bewahrt er allzu neugierige Menschen vor Fehlern, Unfällen und sozialen Konflikten. Darüber hinaus wirkt er aber auch hemmend – denn wer keine Neugierde mehr verspürt, bleibt förmlich stehen.

 

Neugier im Beruf? Oder von der Spontaneität zum Erfolg / Foto: ameer basheer / unsplash

Neugier im Beruf? Oder von der Spontaneität zum Erfolg / Foto: ameer basheer / unsplash

Was bewirkt Neugier?

Während kindliche Neugier von Spontaneität, Abwechslungsdrang und Nonkonformismus geprägt ist, überwiegt im Alter der Wunsch nach Sicherheit, Vorhersehbarkeit und Geborgenheit. Das ist nachvollziehbar, aber schade – denn Neugier bewirkt viel mehr als die Zunahme von Wissen und das Anhäufen von Erfahrungen. Sie löst eine ganze Kette von Reaktionen aus, die ihrerseits ebenfalls einen Effekt haben und das gesamte Leben der/des Neugierigen beeinflussen.

Das glaubt ihr nicht? Dann lasst uns schauen, was kluge Köpfe zu diesem Thema herausgefunden haben:

Neugier schlägt Intelligenz

In einer groß angelegten Studie an rund 50.000 Studierenden kamen britische und schweizerische Forscher zu dem Ergebnis, dass Neugierde der stärkere Motor für Lernerfolge ist als Intelligenz. Im Vergleich zu ihren klügeren Kommilitonen schnitten neugierige Probanden teilweise sogar besser ab.

Neugier belebt das Sozialleben

An der George Mason Universität kam der Psychologie-Professor Todd Kashdan zu dem Schluss, dass Neugierige schneller und leichter Kontakt zu anderen Menschen knüpfen. Ihre Freundeskreise sind größer, ihre Netzwerke stabiler und ihre allgemeine Zufriedenheit höher als bei Vergleichs-Probanden.

Neugier hält fit

Auch auf die Lebenserwartung wirkt sich Neugier positiv aus: Von etwa 2.000 langfristig untersuchten Senioren erreichten die neugierigen ein höheres Alter als die weniger neugierigen – sogar dann, wenn zusätzlichen Risikofaktoren wie Tabak-Konsum, ungesunder Ernährung oder (Vor-) Erkrankungen vorlagen.

 

Neugierde: Warum die kindliche Erfolgseigenschaft so wichtig ist / Foto: natasha brazil / unsplash

Neugierde: Warum die kindliche Erfolgseigenschaft so wichtig ist / Foto: natasha brazil / unsplash

Neugierig sein, bleiben und werden

So weit, so gut. Doch wenn diese urtümliche Eigenschaft so viel Gutes bewirkt – warum sind dann nicht alle Menschen "von Hause aus" neugierig? Weil Neugierde weniger Gegebenheit als viel mehr Fähigkeit ist. Sie lässt sich weder willentlich steuern noch dem Bedarf anpassen – sondern ist eine Naturgewalt, die vor allem Kinder im Griff hat.

Je jünger sie sind, desto unkritischer geben sie ihr nach. Kleine Jungen und Mädchen haben zu jeder Zeit, in jeder Situation und zu jedem Thema Fragen. Die äußern sie ganz unbefangen und offen – eben neugierig. Erst gesellschaftliche Konventionen dämmen die kindliche Erfahrungsfreude allmählich ein.

Bei einfühlsamer Begleitung lernen die Kleinen, auch ohne Anecken neugierig zu bleiben; allzu oft aber verlieren sie die Freude und den Mut zu fragen oder Dinge in Frage zu stellen. Mit zunehmendem Alter schrumpft die Neugierde immer mehr – und führt schließlich zu dem, was konventionell, bieder oder starrsinnig genannt wird. Damit geht verloren, was das Neugierigsein ausmacht bzw. durch Neugierigsein gefördert wird:

  • Entdeckerfreude
  • Offenheit
  • Toleranz
  • Interesse
  • Sympathie
  • Authentizität
  • Präsenz
  • Inspiration
  • Ideenreichtum
  • Gedankenfrische
  • Sozialkompetenz
  • Emotionalität
  • Selbstsicherheit

Umso wichtiger ist es, natürliche Neugierde zu behalten – oder sich gegebenenfalls neu anzueignen. Die Möglichkeiten, sie zu wecken und zu trainieren, sind vielfältig.

Routine tötet

Jeden Tag der gleiche Weg zur Uni, jeden Mittag in der Mensa essen und abends die immer gleichen Leute in ein und derselben Bar treffen - damit ist ab sofort Schluss! Beschreitet buchstäblich neue Pfade, testet das Studi-Menü im Eckcafé und genehmigt euch das Feierabend-Bier zwei Querstraßen weiter. Jede noch so kleine Änderung sorgt für neue Eindrücke und macht offen für neue Erfahrungen.

Lesen bildet

Damit meinen wir nicht die Fastfood-Häppchen, die ihr via Internet konsumiert, sondern richtige Bücher. Wer aus der Übung gekommen ist, fängt klein an und probiert sich am Zeitunglesen; bald schon können kleine Geschichten und ganze Romane folgen. Auch das Schmökern in Sachbüchern oder das Durcharbeiten von Fachlektüre hat hohen Mehrwert für die Neugierde – und macht euch unabhängig vom Stromnetz.

Fragen kostet nichts

Außer Nerven – und die werden dabei exzellent geschult. Nehmt nicht einfach alles hin, wie es euch serviert wird, sondern hakt (selbst-) kritisch nach. Erkundigt euch offen, warum etwas SO und nicht ANDERS gemacht wird – und lasst euch um Himmels Willen nicht von Floskeln wie "Das war schon immer so!" abwimmeln. Auch hier ist klein anfangen leichter. Ihr müsst nicht gleich die ganze Weltordnung in Frage stellen, wenn eine simple Erklärung reicht. Und bitte nicht provokant werden, sondern ehrliches Interesse zeigen!

Unbekanntes reizt

Wir wollen euch nicht zu moralisch fragwürdigem Handeln animieren, sondern lediglich an eure Neugierde appellieren. Packt etwas an, das euch schon immer interessiert hat und/oder was ihr ständig vor euch hergeschoben habt. Sei es im kleinen (ausmisten, umräumen, renovieren), im etwas größeren (umziehen, verreisen, neues Hobby) oder im ganz großen (Job- oder Studienplatzwechsel) Stil: Jeder Versuch ist eine Erfahrung – und besser, als nur davon zu träumen.

Diese kleinen Trainingseinheiten schulen nicht nur die private Neugierde. Sie können auch im Beruf nützlich werden, falls ihr in eine Schaffenskrise geratet oder Entscheidungen anstehen. Das versprechen wir euch schon jetzt, denn wir wissen, dass neugierig sein sehr viel mehr bewirkt als Wissenszuwachs.

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