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Vergessen auf Knopfdruck

unangenehme Erinnerungen loswerden

Foto: lechon kirb / unsplash
Foto: lechon kirb / unsplash

So manch einer hat es schon ausgesprochen: Das Jahr 2020 neigt sich dem Ende zu und es war ein Jahr zum in die Tonne kloppen. Einige Episoden dieses Jahres würden viele von uns wohl gerne vergessen. Aber ist es überhaupt möglich, Erinnerungen zu vergessen? Können wir unser Gehirn so beeinflussen, dass wir etwas vergessen können auf Knopfdruck? Mittlerweile ist Forschern bekannt, dass es möglich ist, Dinge gezielt zu vergessen. Wir sind sogar in der Lage, Erinnerungen im Kopf neu abzuspeichern und so beispielsweise traumatische Erfahrungen zu ersetzen. Trauma-Therapeuten machen sich das Vergessen von Erinnerungen bereits zunutze. Vielleicht habt ihr ja auch ein paar Dinge im Kopf, die ihr unbedingt vergessen wollt.

Vergessen auf Knopfdruck - Negatives brennt sich ein

Für das Funktionieren des menschlichen Gehirns ist es von großer Bedeutung, vergessen zu können. Auf unser Gehirn prasseln jeden Tag sehr viele Informationen ein. Nicht alles müssen wir uns merken, um unser Leben zu leben. Unser Leben besteht aus fortlaufenden Veränderungen, wir müssen uns stets anpassen und neue Erinnerungen abspeichern. Vergessen ist ein ganz natürlicher Prozess. Allerdings prägen sich vor allem sehr emotionale Erlebnisse besonders stark ein. Und hier wiederum sind es die negativen Erlebnisse, die uns lange erhalten bleiben. Für unser Überleben ist es grundsätzlich von Vorteil, Gefahren abzuspeichern und uns daran im entscheidenden Moment zu erinnern. Allerdings können negative Erinnerungen auch zur Belastung werden und sogar zu einem Trauma führen. Das Jahr 2020 wird aus der Retrospektive vor allem als ein Jahr von Angst, Panik, Entbehrungen und Einschränkungen in die Geschichte eingehen. Solche Erinnerungen können belastend und sogar traumatisierend wirken. Posttraumatische Belastungsstörungen können die Folge sein und sich durch Schlafstörungen, Depressionen und Suchtverhalten bemerkbar machen. Wäre es da nicht schön, wenn man das Vergessen auf Knopfdruck einfach lernen könnte? Auch wenn das Vergessen grundsätzlich ein unbewusster Prozess ist, laut der Wissenschaft ist das Vergessen auf Knopfdruck möglich.

>Vergessen auf Knopfdruck - Negatives brennt sich ein / Foto: allef vinicius / unsplash

>Vergessen auf Knopfdruck - Negatives brennt sich ein / Foto: allef vinicius / unsplash

Vergessen auf Knopfdruck - das sagt die Wissenschaft

Vergessen auf Knopfdruck - das ist grundsätzlich möglich. Das zeigt zumindest der Psychologe Karl-Heinz Bäuml, der an der Universität Regensburg tätig ist. Zusammen mit Magdalena Abel konnte er bereits 2017 nachweisen, dass das gezielte Vergessen funktionieren kann. Für die Untersuchung wurden 216 Probanden rekrutiert. Alle Probanden bekamen zwei Listen mit je 16 Begriffen zu sehen. Ihnen wurde die Aufgabe gestellt, sich so viele Begriffe wie möglich zu merken. Anschließend bekamen die Gruppen unterschiedliche Anweisungen. Eine Gruppe sollte sich die Begriffe möglichst gut merken, der zweiten Gruppe wurde gesagt, dass die Begriffe aufgrund eines Softwarefehlers falsch gewesen seien und sie diese vergessen könnten, und die dritte Gruppe wurde gezielt abgelenkt. Später wurden die Gruppen von den Forschern wieder aufgeteilt. Eine Gruppe wurde drei Minuten nach dem Experiment befragt, die andere 24 Stunden danach. Veröffentlicht wurden die Ergebnisse im Jahr 2017 im "Journal of Memory and Language". Bei der Abfrage nach drei Minuten konnten sich die Probanden, die sich erinnern sollten, im Schnitt an 60 Prozent der Begriffe erinnern. Die Gruppe, die abgelenkt wurde, kam im Schnitt auf 43 Prozent. Die Gruppe, die die Wörter vergessen sollte, kam ebenfalls auf 43 Prozent. Das Ergebnis nach 24 Stunden war jedoch erstaunlich. Nach 24 Stunden kam die Gruppe, die sich erinnern sollte, wie die Gruppe "Ablenkung" auf 43 Prozent. Dagegen waren es nur noch 32 Prozent der Wörter, an die sich die Probanden aus der Gruppe "Vergessen" erinnern konnten. Aus dieser Untersuchung schließen die Forscher, dass das Vergessen auf Knopfdruck möglich ist. Weitere Erkenntnis: Gezieltes Vergessen wirkt besser als Ablenkung. Karl-Heinz Bäuml vertiefte seine Forschung fand zudem heraus, dass es möglich ist flexibel zu steuern, welche Inhalte man vergessen möchte und welche nicht.

Unangenehme Erinnerungen einfach vergessen

Wenn das Vergessen auf Knopfdruck funktioniert, bedeutet das dann, dass ihr alles Unangenehme gleich ad acta legen könnt? Euer Boss mahnt euch ab, euer Partner macht Schluss oder ihr verliert einen Haufen Geld an der Börse und ihr macht einfach den Eimer des Vergessens auf und schüttet die unangenehmen Erinnerungen hinein? Es ist nicht ganz so einfach. Es reicht nicht, etwas einfach vergessen zu wollen. Ihr müsst die schlechte Erinnerung quasi durch neue Informationen überdecken. Das heißt, auf eine schlechte Erfahrung müsste eine gute folgen. Das muss nicht unmittelbar passieren. Negative Erfahrungen bleiben länger erhalten als positive. Um Negatives zu überschreiben habt ihr also etwas Zeit.

Vergessen auf Knopfdruck - das sagt die Wissenschaft / Foto: geran de klerk / unsplash

Vergessen auf Knopfdruck - das sagt die Wissenschaft / Foto: geran de klerk / unsplash

Alte Erinnerungen neu schreiben

Das Überschreiben von Erinnerungen kann auch bei älteren Erinnerungen funktionieren. Grundsätzlich geht man davon aus, dass Langzeiterinnerungen entstehen, wenn es zu dauerhaften Verbindungen der Nervenzellen in der Großhirnrinde kommt. Lange Zeit glaubte man, dass diese Verbindungen dauerhaft bestehen bleiben und Erinnerungen somit unveränderlich seien. Allerdings zeigte sich in Experimenten Anfang der 2000er-Jahre, dass Erinnerungen bei jedem Abruf neu geschrieben werden. Dies geschieht durch Neubildung von Proteinen in den Nervenzellen wie sich in Tierversuchen zeigte. Das hat einen entscheidenden Vorteil: Erinnerungen lassen sich beeinflussen. Diesen Umstand nutzen Trauma-Therapeuten für die Therapie. Traumatisierende Erinnerungen werden in einem sicheren Rahmen abgerufen und neu gewichtet, um diese anschließend neu abzuspeichern. Auch Ablenkung kann helfen, die Erinnerung so abzuspeichern, dass diese weniger gewichtet wird. Weitere Möglichkeiten, um Erinnerungen weniger stark abzuspeichern sind:

  • Es wird ein Betablocker wie Propanolol gegeben, um die Stressreaktion des Körpers während des Erinnerns zu reduzieren.
  • Im Tierversuch hat sich außerdem gezeigt, dass sich Erinnerungen sogar komplett löschen lassen. Ratten erhielten einen Stromstoß und gleichzeitig gab es ein akustisches Signal. Dieses akustische Signal wurde mit dem Schmerz verknüpft und so bekamen die Ratten Angst, wann immer sie diesen Ton hörten. Den Tieren wurde eine Chemikalie in die Amygdala - hier sitzen die Angstgefühle - injiziert. Diese Chemikalie hat die Proteinsynthese unterbunden und die Angst beim Hören der Töne verschwand. Wenn der Stoff injiziert wurde, ohne den Ton vorher abzuspielen, ist die Erinnerung nicht verschwunden. Beim Menschen sind solche Experimente natürlich nicht möglich. Auch Chemikalien werden beim Menschen nicht in die Amygdala injiziert, allerdings kann gezieltes Vergessen dazu beitragen, dass Erinnerungen als weniger belastend empfunden werden.

Weitere Experimente haben gezeigt, dass Erinnerungen – egal ob positiv, negativ oder neutral - durch gezieltes Vergessen abgeschwächt werden können. Vielleicht müssen wir diese Technik auch anwenden, wenn wir irgendwann mit einem etwas positiveren Blick auf das Jahr 2020 zurückblicken wollen.

Manchmal ist vergessen besser als erinnern

Im Gegensatz zum Erinnern hat das Vergessen nicht den besten Ruf. Vergessen wird in vielen Fällen als etwas Negatives angesehen. Wer ein schlechtes Gedächtnis hat und Sachen vergisst, gilt schnell als unzuverlässig. Dabei müssen wir manchmal Erlebtes vergessen, um gesund zu bleiben oder zu werden. Hängen an einer Erinnerung nur negative Emotionen, ist es wenig sinnvoll, diese zu bewahren. Vergessen kann dann auch eine Form der Psychohygiene sein. Wenn ihr Erinnerungen habt, die euch quälen und nichts bringen, könnt ihr Folgendes versuchen:

  • Gegenständliche Erinnerungen wegschaffen. Gibt es in eurem Umfeld einen Gegenstand, der in euch die unangenehme Erinnerung hervorruft? Dann schafft diesen Gegenstand aus eurem Blickfeld.
  • Ihr könnt es auch mit Ablenkung versuchen. Kommen die unangenehmen Erinnerungen an die Oberfläche, so lenkt euch mindestens zwei Minuten ab. Wann immer diese Gedanken hochkommen, werden sie durch Ablenkung unterbrochen.
  • Übt euch diszipliniert im Vergessen. Vergessen auf Knopfdruck ist möglich, wenn ihr die Gedanken immer dann wegwischt, wenn diese hochkommen wollen. Dabei müsst ihr konsequent sein und bei eurer Haltung bleiben. Ihr müsst euch nicht ständig an Dinge erinnern, die euch nicht guttun.

Lasst schlechte Erinnerungen ruhen. Unschöne Erinnerungen nicht mehr ständig bewusst hervorzuholen und zu betrachten hilft beim Vergessen.

Fazit

Vergessen auf Knopfdruck – mit etwas Disziplin ist das möglich. Es gibt Erinnerungen, die ihr gerne vergessen möchtet? Holt diese Erinnerung nicht bewusst hoch, sondern lasst sie ruhen. Wann immer sie in euer Bewusstsein vordringen will, lenkt ihr euch ab oder schiebt den Gedanken weg. Nicht alles ist eine Erinnerung wert.

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