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Was Mobbing ist und wo es anfängt?

Ein paar Hinweise

Foto: george gvasalia / unsplash
Foto: george gvasalia / unsplash

Mobbing – ein kaum greifbares Gruppenphänomen. Die Folgen für die Gesundheit der Betroffenen sind dennoch gravierend. Wer unter Mobbing leidet, hinterfragt sich zunächst selbst. Denn Mobbinghandlungen sind oft unterschwellig und werden leicht abgestritten und verharmlost. Wie ihr Mobbing eindeutig erkennt, beschreibt der Psychologe Prof. Heinz Leymann anhand von 45 Merkmalen.

Mobbing – ein Chamäleon des sozialen Lebens

Eine Stichelei hier, eine abfällige Bemerkung da, ein unvorteilhaftes Bild im Gruppenchat und viele kommentierende Emojis: Gehört das zum geselligen Miteinander oder droht die Gefahr von psychischer Gewalt? Wer sich ständig prüfenden Blicken aussetzten muss, sich nicht in seinem Wesen angenommen fühlt oder gar verbal attackiert und erniedrigt wird, fragt sich nicht selten: Was mache ich falsch? Warum finde ich keinen Anschluss? Im Grunde eine selbstreflektierte Haltung. Merken die Betroffenen jedoch, dass alle persönlichen Bemühungen keine Besserung bringen, stellt sich die Frage: Ist das vielleicht Mobbing?

Wenn ihr bereits in einer ähnlichen Situation wart, kennt ihr vermutlich auch den nagenden Zweifel: Tu ich den anderen Unrecht? Schließlich handelt es sich bei Mobbing um einen schwerwiegenden Vorwurf. Ihr versucht die Vorkommnisse vielleicht in einem anderen Licht und unabhängig voneinander zu sehen. Das peinliche Bild im Gruppenchat sollte nur für gute Stimmung sorgen und in der Arbeitsgruppe kommt ihr nur zufällig selten zu Wort. Auch die neueste Beleidigung war vielleicht der schlechten Laune des Kommilitonen verschuldet, der sie gleich auch noch öffentlich gepostet hat. Kann ja mal passieren. Vor diesem Hintergrund wechselt das Geschehen wie ein Chamäleon seine Farben und wird kaum noch als Gefahr wahrgenommen.

Tatsächlich lohnt es sich, die Situation eine Zeit lang zu beobachten, bevor man von Mobbing spricht. Erhärtet sich dennoch der Verdacht, solltet ihr schnell dagegen vorgehen.

 

Was Mobbing ist und wo es anfängt? Ein paar Hinweise / Foto: anthony tran / unsplash

Was Mobbing ist und wo es anfängt? Ein paar Hinweise / Foto: anthony tran / unsplash

Ist das schon Mobbing? – Eine Definition

Laut Expertenmeinungen handelt es sich bei Mobbing um ein immer wieder auftretendes systematisches Verhaltensmuster. Es erstreckt sich über einen längeren Zeitraum. Ein einzelner Übergriff oder ein sachgebundener Konflikt sind noch kein Mobbing. Vorausgesetzt wird außerdem ein ungleiches Machtverhältnis zwischen Täter und Opfer, sei es durch Hierarchien oder Beliebtheit und Ansehen innerhalb der Gruppe. In manchen Fällen gibt es mehrere Täter neben einem Haupttäter oder aber die Gruppe nimmt das Opfer nicht in Schutz und sieht tatenlos zu. Das Opfer hat in der Regel einen hohen Leidensdruck durch verbale, nonverbale oder organisatorische Übergriffe.

45 Mobbinghandlungen nach Heinz Leymann

Der schwedische Psychologe Prof. Heinz Leymann prägte die Begriffsdefinition entscheidend mit und fasste 45 Mobbinghandlungen zu folgenden Kategorien zusammen:

  • Angriffe auf die Möglichkeit, sich mitzuteilen
  • Angriffe auf die sozialen Beziehungen
  • Angriffe auf das soziale Ansehen
  • Angriffe auf die Qualität der Berufs- und Lebenssituation
  • Angriffe auf die Gesundheit.

Welche einzelnen Handlungen dahinterstecken, erklären wir euch anhand von Beispielen aus dem Alltag.

 

45 Mobbinghandlungen nach Heinz Leymann / Foto: creative christians / unsplash

45 Mobbinghandlungen nach Heinz Leymann / Foto: creative christians / unsplash

Angriffe auf die Möglichkeit, sich mitzuteilen

Zu dieser Kategorie gehören vor allem die Redeunterbrechungen und Kontaktverweigerung. Der Vorgesetzte oder die Kollegen und Kommilitonen lassen euch einfach nicht zu Wort kommen. Ob durch ablehnende Gesten, abfällige Bemerkungen oder sogar Drohen und Anschreien: Euch wird deutlich gemacht, dass euer Beitrag nicht erwünscht ist. Das Mobbing kann sich in dem Fall von leichten Andeutungen und ständiger Kritik an der Leistung oder am Privatleben bis hin zu verbalem Terror ausdehnen.

Angriffe auf die sozialen Beziehungen

Stellt euch vor, man behandelt euch nur noch wie Luft. Man spricht euch nicht an und vermeidet es, von euch angesprochen zu werden. In der Kantine oder im Arbeitsraum sucht man sich einen möglichst fernen Sitzplatz. Diese räumliche und psychologische Distanz setzt die Betroffenen ganz besonders unter Druck und sorgt für tiefe Selbstzweifel. Es ist sogar möglich, dass anderen Personen im Umfeld der Betroffenen von der Kontaktaufnahme abgeraten wird, sodass das Opfer letztendlich isoliert bleibt. Ohne soziale Unterstützung steigt der Leidensdruck stark an.

Angriffe auf das soziale Ansehen

Gerüchte, Lügen, Beschimpfungen in der Öffentlichkeit oder hinter dem Rücken schädigen das Image der Betroffenen. Wenn ihre Schwächen ins Lächerliche gezogen werden oder gar ihre psychische Gesundheit angezweifelt wird, sie aufgrund von persönlichen, religiösen, politischen Überzeugungen immer aufs Neue angegriffen werden, leidet ebenfalls ihr soziales Ansehen. Auch sexuelle Annäherungen oder Angebote sowie Zwang zu entwürdigenden Aufgaben bewirken einen Verlust des Selbstbewusstseins innerhalb der Gesellschaft. Denkt an dieser Stelle auch an das Mobbing im Internet, das Cybermobbing.

Angriffe auf die Qualität der Berufs- und Lebenssituation

Es macht euch stutzig, dass ihr seit längerer Zeit keinen Arbeitsauftrag innerhalb des Teams erhalten habt? Oder aber nur solche, die unter eurer Qualifikation liegen? Sinnlose oder sogar kränkende Aufgaben, während alle anderen mit ihrer Leistung glänzen und ihre Fähigkeiten entfalten dürfen? Einige Betroffenen werden im Gegenteil mit Aufgaben diskriminiert, die sie komplett überfordern. Diese Mobbinghandlungen hindern am beruflichen Wachstum und zeigen eine deutliche Geringschätzung.

Angriffe auf die Gesundheit

Schwere Angriffe auf die Gesundheit sind in der Regel deutlich erkennbar. Meistens handelt es sich dabei um körperliche Misshandlung oder sexuelle Übergriffe. Doch auch leichte körperliche "Denkzettel" und die bloße Androhung von körperlicher Gewalt gehören zu Angriffen auf die Gesundheit. Auch wenn ihr ständig zu gesundheitsschädigender Arbeit "verdonnert" werdet oder euch absichtlich Kosten verursacht werden, solltet ihr aufmerksam werden.

Fazit

Insgesamt ist es nicht so leicht, Mobbing klar zu erkennen und abzugrenzen. Selbst die Experten sind sich nicht unbedingt einig. Der Überblick über verschiedene Mobbinghandlungen kann euch helfen, wachsam zu bleiben und euch rechtzeitig vor Übergriffen zu schützen. Dennoch ist es immer wichtig, die Situation zunächst genau zu analysieren und sich nach Möglichkeit Unterstützung zu holen. Denn jeder Einzelfall ist anders und muss individuell betrachtet werden.

 

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