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Einsame Einser

Hochbegabung in der Schule

Bild Einsame Einser
jmdphoto - photocase

„Die Mädchen fallen meist nicht auf und die Jungs sind oft Krawallmacher“, wenn Annette Graf-Winkler von Elementum Freiburg, einer Beratungsstelle für Hochbegabte, über ihre Klienten spricht, beschreibt sie nicht gerade das herausragende, lockere Genie, was viele in ihren Köpfen haben. Ihre und die Berichte der hochbegabten Paula* klingen eher nach einer Belastung, einem großen Päckchen, dass die 2,2 Prozent Intelligenzelite mit sich herumzutragen hat.

Immer die Streberin

Und vor allem schwingt die Sehnsucht mit, einfach dazugehören zu wollen. „In den Reitferien sagte mal ein Mädchen zu mir ich sähe aus ,wie Hauptschule‘. Da habe ich mich so gefreut!“, erzählt die 17-jährige Paula. Sie war immer die Streberin, die Seltsame, weil ihr alles zufiel. „Eigentlich haben meine Schwester und ich für gute Noten immer Geld bekommen, doch das hörte für mich schon in der Grundschule auf.“ Sie konnte nicht wirklich stolz auf eine Note sein, für die sie nichts tun musste. Doch auch bei ihr gab es die typischen Phasen der Leistungsverweigerung. „In solchen Momenten machen Hochbegabte einfach zu“, so Beraterin Graf-Winkler. Entweder, weil sie sich langweilen, oder weil sie immer unter einem riesigen Erwartungsdruck stehen. Bei Paula war beides der Fall. Neben der Missgunst ihrer Mitschüler, war sie auch Zuhause permanentem Druck und Sticheleien ausgesetzt. Der Vater bezeichnete sie gar als überheblich als ihre Begabung entdeckt wurde und ein Klassenübersprung zur Debatte stand. Doch Paula hatte Glück mit ihren Lehrern. Sie setzten sich für sie ein. Schließlich durfte sie in den höheren Jahrgang wechseln – langweilte sich aber schnell wieder. Ihr ganz eigene Art von Hilferufen in Form von aggressiven Gedichten oder komplizierten Rechnungswegen mit Hochschulniveau auf der Rückseite von Klausuren wurden nicht immer positiv aufgenommen.

Intelligenz heißt nicht gleich Leichtigkeit

Gerade bei Kindern ist es wichtig, die Hochbegabung zu erkennen und früh eine individuelle Förderung zu beginnen, denn Hochbegabte lernen laut Annette Graf-Winkler ganz anders als ihre Mitschüler: „Die Informationsverarbeitung ist viel schneller und Wissen wird logischer abgelegt. Sie können ihre Kompetenzen effektiver nutzen und arbeiten mehr auf der Metaebene.“
Um die Hochbegabung eindeutig erkennen zu können, bieten viele Vereine Intelligenztests an. Wer Angst hat, sich die Blöße in einem privaten Gespräch zu geben, kann bei MENSA auch an anonymisierten Tests teilnehmen.

Allerdings steht die Intelligenz vielen auch im Weg. Annette Graf-Winkler musste erfahren, dass Jugendlichen, die einen IQ von 120 haben, also „nur“ überdurchschnittlich intelligent sind, viel leichter mit Situationen und Aufgaben umgehen als Hochbegabte mit einem IQ von 130 und mehr.
„Hochbegabte denken viel mehr nach, sind grübelnder. Sie haben permanentes Kopfkino. Bei ihnen ist der Perfektionismus stärker, doch aus Fehlangst, gelingt ihnen vieles nicht so einfach. Oft ist auch die emotionale Ausdrucksmöglichkeit eingeschränkt“, Graf-Winkler versucht ihren Klienten mehr Leichtigkeit mitzugeben. Vereine wie Elementum Freiburg schauen nicht nur auf die Fähigkeiten, sondern haben vor allem den Menschen im Ganzen im Blick.

Nicht immer die große Karriere

Unkenntnis und mangelnde gesellschaftliche Akzeptanz machen den Hochbegabten das Leben schwer. Genau deshalb hat sich Paula für ein Lehramtsstudium entschieden. Mit ihrem Einserabitur käme sie zwar an jedem Numerus Clausus vorbei, doch sie möchte lieber Jugendliche auf ihrem Lebensweg begleiten, statt große Karriere zu machen: „Die Nachteile, die es hat, anders zu sein, sind von Menschen geschaffen und sollten von den Menschen auch wieder abgeschafft werden. Ich werde es jedenfalls versuchen.“

*Namen geändert
 

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