Ratgeber > Arbeitswelt

Das ist die nervigste Floskel der Welt!

Sei ehrlich, benutzt du sie auch?

Foto: lexscope / unsplash
Foto: lexscope / unsplash

Ständig begegnet es uns, verfolgt uns und will uns eine positive, gelogene Heiterkeit aufzwingen: das "Alles gut." Wenn jemand fragt "Alles gut?", ist bei dir natürlich alles gut. Fragt dich jemand, ob du dich in der U-Bahn setzen willst, sagst du "Nein, alles gut." Aber ist wirklich immer alles gut? Interessiert es den anderen überhaupt, wenn nicht "alles gut" ist? Wir gehen der Sache auf den Grund. 

"Hey, alles gut bei dir?"

Wie oft hast du die Frage schon gehört? Erinnerst du dich, was du geantwortet hast? Wahrscheinlich "Ja und bei dir?" oder "Ja, alles gut soweit" oder "Joa, passt schon". Und warum? Vermutlich, weil du dir dachtest, dass es den anderen nicht interessiert, selbst wenn du vor Stress ertrinkst, du Liebeskummer oder Stress mit deinem Chef hattest.

Du bleibst vage, konzentrierst dich auf das Positive und versuchst, die entgegengebrachte Heiterkeit zu erwidern. Und genau das ist das Problem: Sowohl Fragesteller als auch Gefragter tänzeln um die Wahrheit herum. Keiner traut sich, über Gefühle zu sprechen, Stress anzusprechen oder zu sagen, dass nicht alles gut ist. Warum?

Alles gut? Die nervigste Floskel der Welt / Foto: stephen poore / unsplash

Alles gut? Die nervigste Floskel der Welt / Foto: stephen poore / unsplash

Vorgetäuschte Heiterkeit oder ehrliches Interesse?

Wirst du im Meeting mit "Hallo zusammen, alles gut bei euch?" begrüßt, wirst du das Gefühl haben, dass erwartet wird, dass alles gut ist. Warum auch nicht? Du sitzt hier, hast einen Job, darfst am Meeting teilnehmen, darfst am kreativen Prozess teilhaben und deine Ideen einbringen. Oder zumindest zuhören. Ob dir das Meeting wertvolle Arbeitszeit stiehlt, du einen wichtigen Abgabetermin einzuhalten hast oder dich das Thema nervt, ist nicht relevant, oder?

Schwer zu sagen. Kollegen und Chefs begrüßen ein Kollektiv gerne mit der Frage "Alles gut?" und verwenden sie als Begrüßungsformel. Eines ist klar: Die Frage soll gute Laune machen, alle ins Boot holen und einen lockeren Gesprächseinstieg schaffen. Das Problem ist: Du weißt nicht, ob dein Gegenüber die Frage ehrlich beantwortet haben möchte oder eine lockere Antwort erwartet, der er sowieso nur halb zuhört.

Oder noch schlimmer: Der andere kann deine Gefühle und Gedanken, sofern du sie ehrlich äußerst als unangebracht abtun. Es ist nicht alles gut? Ok, komm damit klar. Du hast Stress? Plane besser. Du hast einen wichtigen Termin? Den haben wir alle. Das Meeting nervt dich? Such dir einen anderen Job. Du hast Liebeskummer? Das hat bei der Arbeit nichts zu suchen.

Mal davon abgesehen, dass nicht jeder einzeln erzählen kann, was bei ihm gefühlsmäßig so abgeht, wäre das der Worst Case oder?

Vorgetäuschte Heiterkeit oder ehrliches Interesse? Foto: alina nichepurenko / unsplash

Vorgetäuschte Heiterkeit oder ehrliches Interesse? Foto: alina nichepurenko / unsplash

Das Problem mit Floskeln...

Wie immer werden Worte von Menschen individuell interpretiert. Das heißt: Du empfindest die Frage "Hey, alles gut bei dir?" eventuell als Floskel und als unehrlich gemeintes Interesse an deinen Gefühlen. Tatsächlich kann der Fragesteller wirkliches Interesse daran haben, wie es dir geht. Während du dich von der Frage in die Ecke gedrängt fühlst und denkst, du müsstest locker und heiter antworten, ist dein Gegenüber eventuell verwundert, weil du nicht weiter ausholst, sondern mit einem knappen "Ja, passt so weit, und bei dir?" antwortest. 

Hat er sich mehr erhofft? Wollte er eine ehrlich gemeinte Verbindung aufbauen? Nachhaken, ob wirklich alles gut ist bei dir? Hatte er gemerkt, dass du in den letzten Tagen ruhig warst, und hatte er erst jetzt Gelegenheit, mit dir unter vier Augen zu sprechen? 

Das alles ist Interpretationssache und du wirst es abschließend nicht wissen. Du kannst nur spekulieren und die Floskel so erwidern, wie sie dir im Augenblick passt. 

... und wie du es umgehen kannst

Okay, kommen wir zum spannenden Teil: Wie kannst du die "Alles gut"-Floskel umgehen? Ganz einfach: Bist du derjenige, der fragt, frage nicht, ob "alles gut" ist. Werde konkret: "Hallo, wie geht es dir?" Lasse deinem Gesprächspartner ausreichend Zeit, sich Gedanken über die Frage zu machen und sie zu beantworten. Und wichtig: Sei empathisch. Antwortet der andere mit "gut soweit, danke" oder etwas Vergleichbarem, weißt du, dass er vorsichtig ist. Er wird sich fragen, was du willst und mit deiner Frage bezweckst. Versuche, aufrichtig und ehrlich interessiert zu wirken. Dein Gegenüber wird es zu schätzen wissen. 

Bist du derjenige, der antwortet, denke darüber nach, ob wirklich "alles gut" ist, bevor du die Floskel deinem Gesprächspartner um die Ohren haust. Wir neigen dazu, viel zu schnell zu sagen, dass alles paletti ist. Ist alles gut, oder bist du gestresst? Hast du vorhin ein Problem gehabt, das dich eine Stunde Zeit gekostet hat? Sag, dass du genervt bist. Möchtest du dich setzen in der U-Bahn? Nimm das Angebot an. Emotionen, Gefühle, Stress und Panik sind keine Schande, sondern super menschlich. Steh dazu!

<h2>Fazit</h2>

Alles gut oder? Nein, nicht immer. Und das ist okay. Wenn du das nächste Mal gefragt wirst, ob alles gut ist, kannst du ruhig ehrlich antworten. Merkst du, dass dein Gegenüber nicht darauf eingeht, was du sagst, weißt du, dass es geheuchelt war. Und wenn du das nächste Mal jemanden fragst, ob alles gut ist, versuche dich vorher zu bremsen und den anderen stattdessen zu fragen, wie es ihm geht. Vielleicht weicht er aus, vielleicht antwortet er aber so ehrlich wie du. Und vielleicht ergeben sich dadurch ganz andere Themen und ihr versteht euch danach viel besser. Nicht umsonst heißt es: Ehrlichkeit währt am längsten. Auch bei simplen Fragen im Alltag.

Beitrag teilen