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Vertrauensarbeitszeit

Nutzen Angestellte flexibles Arbeiten schamlos aus?

Foto: savvas stavrinos / Pexels
Foto: savvas stavrinos / Pexels

Vertrauensarbeitszeit bietet Arbeitnehmern und Arbeitgebern ein Höchstmaß an Flexibilität. Die Arbeitnehmer sind weitestgehend frei in der Gestaltung ihrer Arbeitszeit und können beispielsweise Familie und Job besser vereinbaren. Was bei diesem Arbeitszeitmodell zu beachten ist, und welche Vor- und Nachteile es gibt, erfährst du hier.

Was ist Vertrauensarbeitszeit?

Bei diesem Arbeitszeitmodell sind die Mitarbeiter eines Unternehmens weitgehend frei in der Gestaltung ihrer Arbeitszeit. Sie entscheiden, wann sie mit ihrer Arbeit beginnen und wann sie diese beenden. Der Arbeitgeber verzichtet zudem auf die Kontrolle der Arbeitszeit. Er gibt den wöchentlichen oder monatlichen Umfang der Arbeitszeit vor. Die Mitarbeiter sind selbst verantwortlich dafür, die vorgegebene Arbeitszeit sowie die gesetzlichen Regelungen einzuhalten. Im Fokus stehen jedoch die Aufgaben, die Mitarbeiter zu erledigen haben, und nicht die Arbeitszeit.

Bei der Vertrauensarbeitszeit handelt es sich um eine Form der Arbeitszeitflexibilisierung. Es gibt keine gesetzliche Grundlage dafür. Diese Form des Arbeitszeitmodells kann in den Arbeitsvertrag oder die Betriebsvereinbarung aufgenommen werden. Diese Vereinbarung kann auch mündlich getroffen werden. Informiert der Vorgesetzte den Mitarbeiter mündlich darüber, dass in der Firma die Vertrauensarbeitszeit gilt, reicht das aus. Durch dieses Arbeitszeitmodell können Arbeitszeiten flexibel gestaltet werden. Der Kern liegt im Vertrauen. Der Arbeitgeber setzt Vertrauen in seine Mitarbeiter und kontrolliert nicht, wie viele Stunden täglich gearbeitet werden. Die Mitarbeiter erweisen sich als vertrauenswürdig, indem sie ihren Verpflichtungen nachkommen und ihre Aufgaben erledigen.

Ein solch flexibles Arbeitszeitmodell ist ein gutes Mittel, um die Mitarbeiter an das Unternehmen zu binden – es ermöglicht unter anderem eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Vertrauensarbeitszeit – flexibles Arbeitszeitmodell / Foto: samson katt / unsplash

Vertrauensarbeitszeit – flexibles Arbeitszeitmodell / Foto: samson katt / unsplash

Vertrauensarbeitszeit – was muss bei der Arbeitszeiterfassung beachtet werden?

Klassische 9-to-5-Jobs sind vom Aussterben bedroht und Jobs mit festen Arbeitszeiten sind eher unbeliebt. Mitarbeiter wollen mehr Flexibilität. Sie wollen ihre Arbeitszeit selbst bestimmen, um beispielsweise Familie und Job besser unter einen Hut zu bringen. Und Unternehmen wollen gute, zufriedene und motivierte Mitarbeiter. Flexible Arbeitszeitmodelle gewinnen daher an Bedeutung. Das hängt auch mit der Digitalisierung zusammen. Wir sind nicht mehr in jedem Job an bestimmte Zeiten oder einen bestimmten Ort gebunden. Modelle wie die Vertrauensgleitzeit sind ein wichtiger Schritt in die Zukunft. Gefördert wird dadurch ein vertrauensvolles Miteinander von Arbeitgeber und Arbeitnehmer.

Es gibt jedoch einige gesetzliche Vorgaben, die auch bei flexiblen Arbeitszeitmodellen eingehalten werden müssen. Das bedeutet:

  • Arbeitnehmer dürfen laut Arbeitsgesetz täglich nicht mehr als 10 Stunden arbeiten
  • Es muss eine Ruhezeit von mindestens 11 Stunden eingehalten werden
  • Wer länger als 6 Stunden täglich arbeitet, muss eine Pause machen

An diese Regeln müssen sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer auch bei flexiblen Arbeitszeitmodellen halten.

Für die Arbeitszeiterfassung bei flexiblen Arbeitszeitmodellen gilt: Laut Arbeitszeitgesetz sind Organisationen verpflichtet, die Arbeitszeit zu erfassen, wenn diese über der werktäglichen Arbeitszeit von 8 Stunden liegt. Mehrarbeit muss durch den Arbeitgeber erfasst werden. Er kann diese Aufgabe an seine Beschäftigten delegieren. Arbeitest du weniger als 8 Stunden täglich, muss das nicht dokumentiert werden. Im besten Fall kontrollieren Vorgesetzte regelmäßig die Aufzeichnungen ihrer Mitarbeiter, denn im Fall einer Prüfung müssen sie die Arbeitszeit nachweisen können.

Nutzen Angestellte flexibles Arbeiten schamlos aus? Foto: katerina holmes / unsplash

Nutzen Angestellte flexibles Arbeiten schamlos aus? Foto: katerina holmes / unsplash

Wie werden Überstunden bei diesem Arbeitszeitmodell gehandhabt?

Grundsätzlich können sich auch bei diesem Arbeitszeitmodell Überstunden ergeben. Mal angenommen, ein Mitarbeiter schafft es nicht, sein Pensum an Aufgaben innerhalb der vorgesehenen Zeit abzuarbeiten. Er muss noch ein paar Stunden dranhängen, um die Aufgaben zu erledigen. Damit die Mehrarbeit bezahlt wird, muss der Arbeitgeber darüber informiert werden oder diese sogar anordnen. Bei der Vertrauensarbeitszeit ist das selten der Fall. Wer mehr arbeitet, macht das freiwillig beziehungsweise aus der Notwendigkeit heraus, dringende Aufgaben zu Ende zu bringen.

Das Arbeitszeitgesetz sieht vor, dass Arbeitgeber die Stunden, die ihre Mitarbeiter mehr arbeiten, dokumentieren. Allerdings kann diese Aufgabe an die Arbeitnehmer übertragen werden. Müssen hin und wieder mehr als acht Stunden täglich gearbeitet werden, muss das dokumentiert werden. Bevor der Arbeitgeber dieses Arbeitszeitmodell einführt, sollte geklärt sein, wie Überstunden dokumentiert beziehungsweise abgebaut werden können. Das kann beispielsweise über ein Arbeitszeitkonto geregelt werden. Hat der Arbeitnehmer an einem Tag mehr Stunden geleistet, kann er diese an einem anderen Tag als Freizeit nutzen.

Welche Vor- und Nachteile hat die Vertrauensarbeitszeit?

Flexible Arbeitszeitmodelle stehen auf der Wunschliste vieler Arbeitnehmer ganz oben. Studien zeigen, dass die Zufriedenheit von Mitarbeitern steigt, wenn sie im Job mehr Freiraum haben und weniger kontrolliert werden. Allerdings arbeiten wir heute länger, denn die Grenzen zwischen Freizeit und Beruf verschwimmen zunehmend. Doch welche Vorteile hat Vertrauensarbeitszeit für Arbeitgeber und Arbeitnehmer? Und gibt es Nachteile? Unternehmen sollten sich vorab genau überlegen, ob dieses Arbeitszeitmodell in ihren Betrieb passt.

Vorteile für Arbeitnehmer:

  • Flexible Zeiteinteilung
  • Bessere Vereinbarkeit von Job und Familie
  • Selbstbestimmung steigt
  • Höhere Motivation
  • Weniger Kontrolle
  • Weniger Leerlauf
  • Klare Zielsetzung
     

Nachteile für Arbeitnehmer:

  • Zeiterfassung selbst übernehmen
  • Weniger Teamspirit
  • Organisationsaufwand steigt
  • Kommunikationsprobleme
  • Die Grenzen zwischen Freizeit und Job verschwimmen
  • Stress durch ständige Erreichbarkeit
  • Mehrarbeit
  • Überforderung und Selbstausbeutung
  • Missbrauch durch Vorgesetzte
     

Vorteile für Arbeitgeber:

  • Höhere Mitarbeiterbindung
  • Vertrauen als Teil der Unternehmenskultur
  • Optimiertes Betriebsklima
  • Krankenstand geringer
  • Produktivität steigt
  • Höhere Mitarbeiterzufriedenheit
  • Bessere Ergebnis- und Zielorientierung
  • Mehr Selbstverantwortung unter den Mitarbeitern
     

Nachteile für Arbeitgeber:

  • Weniger Kontrolle
  • Höherer Organisations- und Kommunikationsaufwand
  • Mitarbeiter sind nicht immer erreichbar
  • Die Koordination wird schwieriger
  • Konfliktpotenzial
  • Missbrauchspotenzial
  • Überlastung

Eignet sich Vertrauensarbeitszeit für jedes Unternehmen?

Flexibles Arbeiten, vertrauensvolle Basis und motivierte Mitarbeiter – das klingt doch einfach wunderbar. Allerdings ist dieses Arbeitszeitmodell nicht für jeden geeignet. In manchen Unternehmen kommt es auf die Präsenz der Mitarbeiter zu bestimmten Zeiten an. Ein Beispiel: Wenn eine Bäckerei morgens um 7 Uhr öffnet, können die Mitarbeiter im Verkauf nicht erst um 9.30 Uhr mit ihrer Arbeit beginnen. Vor der Tür würden die Kunden warten und sich über diesen schlechten Service ärgern. Früher oder später dürfte diese Bäckerei wohl Geschichte sein. Vertrauensarbeitszeit kann in Betrieben eingeführt werden, in denen Arbeitnehmer weitestgehend unabhängig von bestimmten Öffnungszeiten, Kundenkontakten oder Teammeetings arbeiten können.

Fazit

Die Einführung eines flexiblen Arbeitszeitmodells wie der Vertrauensarbeitszeit kommt sehr häufig den Interessen der Mitarbeiter entgegen. Es lässt mehr Spielraum, sein Leben und seine Arbeitszeit individuell zu gestalten und begünstigt damit eine gute Work-Life-Balance. Damit dieses Arbeitszeitmodell gelingt, sollten jedoch Strategien zur Zeiterfassung sowie zum Schutz der Mitarbeiter entwickelt werden, denn die Vorgaben des Arbeitszeitgesetzes müssen auch hier eingehalten werden. 

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