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Downshifting

Warum ein Karriererückschritt kein Scheitern ist

Foto: robert andall / unsplash
Foto: robert andall / unsplash

Als junger und beruflich noch unerfahrener Mensch hat man zur beruflichen Karriere kaum eigene Vorstellungen. Umso prägender sind dann die bekannten existierenden Vorbilder und Metaphern: Von Karriereleiter ist oft die Rede, vom stetigen Aufstieg und ständig wachsendem Gehalt und Verantwortung. Doch ist das realistisch? Geht es wirklich immer nur bergauf? Lasst euch da nicht täuschen: Das Leben hält viele Wege bereit, manchmal helfen uns auch Um- und Auswege. Der bewusst vollzogene berufliche Rückschritt aus einer festgefahrenen Situation kann so ein Weg sein. Dieser Trend, gegen das verbreitete Karrieredogma, freiwillig eine beruflich "niedrigere" Position ein- oder anzunehmen, heißt Downshifting. Er kommt aus dem englisch-amerikanischen Raum. Wie Downshifting geht und gelingt, das lest ihr hier.

 

Downshifting - Warum ein Karriererückschritt kein Scheitern ist / Foto: content pixie / unsplash

Downshifting - Warum ein Karriererückschritt kein Scheitern ist / Foto: content pixie / unsplash

Gründe für Downshifting

Wenn Ihr im Leben eine ungewöhnliche Entscheidung trefft, dann kommt euch zunächst oft Unverständnis entgegen. Daher ist es gut, die eigenen Gründe für ein Downshifting zu kennen. Und dies nicht nur situativ und punktuell, sondern in diesem Fall auf den Gesamtzusammenhang eures (Berufs)lebens bezogen.
Dazu ein Bild: Ihr seid Bergsteiger und wollt einen Gipfel erreichen. Ihr schreitet und klettert mutig voran. Plötzlich steckt ihr fest:

1. Vielleicht habt ihr euch "verstiegen", euer gewählter Weg führt definitiv nicht weiter.
2. Oder ihr habt euch verletzt, seid erkrankt und ein weiterer Aufstieg wäre eine Gefährdung eures Lebens und vielleicht auch das anderer Menschen.
3. Äußere Umstände wie Wetter, Wegbeschaffenheit oder Mängel in der Ausrüstung lassen euch lieber umkehren.
4. Ihr stellt fest, dass die Welt der Berge zunehmend nicht dem entspricht, was ihr wollt. Ihr sehnt euch plötzlich nach dem Meer.

Für eure Berufssituation und ein mögliches Downshifting bedeuten diese Metaphern das Folgende:

1. Der Karriereweg, den ihr begonnen habt, geht so nicht mehr weiter. Eine Umkehr schafft neue Orientierung.
2. Auf dem Weg zu einer Spitzenposition haben sich Zustände von Erschöpfung, Stress und Sinnlosigkeit angesammelt. Innehalten und zunächst auf niedrigerem Niveau weiterarbeiten bewahrt euch vor einem möglichen Burnout.
3. In eurer gewählten Berufsbranche schlägt die Konjunktur um. Neue Anforderungen werden gebraucht, die ihr für eure aktuelle Position nicht habt. In einer "tieferen" Position könnt ihr nachlernen.
4. Eine neue und höhere Position bringt euch spürbar weg von den beruflichen Inhalten, für die ihr einmal gebrannt habt.
Es wird deutlich, dass der erste Impuls für ein Downshifting das Wahrnehmen eines Unwohlseins mit dem bisherigen Berufsweg ist. Dabei solltet ihr aber nicht stehenbleiben.

Von der Angst zur Wertschöpfung

Erwähntes Unwohlsein auf dem Karriereweg ist meist ein Gefühl von Angst. Befürchtungen könnten so lauten:

1. Ich habe Angst, hier stecken zu bleiben
2. Ich habe Angst, auf diesem Weg Schaden zu nehmen.
3. Ich habe Angst, noch nicht so weit zu sein für die angestrebte Position.
4. Ich habe Angst, mich von meiner Berufung zu entfernen.

Wenn ihr schon so weit seid, die Befürchtungen konkret zu benennen, dann ist das sehr gut. Es ermöglicht im nächsten Schritt anzuerkennen, dass Ängste wichtige Wegweiser für unseren Weg darstellen. Ängste lassen uns wahrnehmen, was uns eigentlich fehlt auf unserem Weg. Das kann ich dann auch positiv formulieren:

1. In meiner jetzigen Phase brauche ich eine neue Orientierung in einer für mich einfacheren Arbeitsstruktur.
2. Ich habe mich übernommen. Ich möchte meine Arbeitsleistung geeignet reduzieren und so neue Kraft schöpfen. Das dient meiner Gesundheit und Arbeitskraft.
3. Ich bin für die aktuelle Position noch nicht ausreichend vorbereitet. Fähigkeiten und Erfahrungen, die mir noch fehlen, kann und will ich mir in einer tieferen Position aneignen.
4. Der Sinn meines Weges ist mir in der Routine und der hohen Anforderung einer neuen Position verloren gegangen. Daher möchte ich an die Position zurück, in der ich das Gefühl für Sinn und Ziel noch hatte.

Ihr merkt, dass ihr so aus Ängsten und Defizitgefühlen positive Werte und Ziele entwickeln könnt. Das ermöglicht für euch selber, zum geplanten Downshifting ein positives Gefühl zu entwickeln. Nur das setzt euch dann in die Lage, für eure Wünsche erfolgreich zu werben und dafür bei anderen, vor allem den Entscheidungsträgern, Verständnis zu finden.

Denn das ist der nächste Schritt: Gerade da der "Rückweg" meist nicht in der typischen Unternehmenskultur vorgesehen ist, bedarf es manchmal Überzeugungsarbeit. Ihr wollt mit dem Wunsch nach Downshifting eventuell im Unternehmen etwas tun, was vor euch noch keiner getan hat. Und damit seid ihr nicht allein.

Wertewandel in Arbeitswelt und Gesellschaft / Foto: karl fredrickson / unsplash

Wertewandel in Arbeitswelt und Gesellschaft / Foto: karl fredrickson / unsplash

Wertewandel in Arbeitswelt und Gesellschaft

Seit einigen Jahren rumort es bei vielen Menschen und auch in sozialen Institutionen und Unternehmen. Was einmal wertvoll und ausreichend schien, das genügt heute nicht mehr. Ursprünglich diente uns Arbeit, das eigene und ganz basale Überleben zu sichern. Dies ist in wohlhabenden Ländern heute überwiegend möglich.

Nun entstehen darauf aufbauend neue Wünsche: Wir wollen uns weiterentwickeln. Am Arbeitsplatz bildet sich das durch Perspektive der Weiterbildung und mögliche Übernahme neuer Arbeitsfelder und -kompetenzen ab. Im nächsten Schritt wollen wir dabei auch einen persönlichen Sinn in unserem Leben erkennen und verwirklichen. Mit der Erfahrung der Globalisierung erkennen wir dann in einem weiteren Schritt: Mein eigener Sinn sollte mit dem Sinn anderer und dem Leben für Alle auf diesem Planeten vereinbar sein.

Diesen Wertewandel spüren auch Arbeitgeber und stellen sich zunehmend darauf ein. Früher motivierten sie Mitarbeiter mit Befriedigung niedriger Bedürfnisse:

  • mehr Gehalt
  • mehr Macht
  • mehr Status (z.B. größerer Dienstwagen etc.)

Heute können Arbeitgeber gute Mitarbeiter nur an das Unternehmen binden, wenn sie auch auf höhere Bedürfnisse eingehen:

  • Fort- und Weiterbildung
  • mehr Selbstorganisation und Gestaltungsmöglichkeiten
  • neue Arbeitszeitmodelle, Sabbatjahr usw.
  • Hilfen zur Vereinbarkeit von Arbeit und Familie / Freizeit

Diesen neuen Werten gerecht zu werden, macht Umdenken und neues Handeln notwendig. Downshifting kann dabei ein hilfreiches Element sein.

Fazit

Downshifting ist aus der skizzierten großen Perspektive eine große Chance und kein Scheitern.
Für das Gelingen am Arbeitsplatz hilft euch das hier skizzierte Vorgehen:

  • Wertschätzende Wahrnehmung eures gefühlten Unwohlseins
  • Wandlung eurer entdeckten Ängste in neue Bedürfnisse und Wünsche
  • Selbstbewusste Formulierung neuer Ziele gegenüber einem Arbeitgeber

So kann Downshifting für alle Beteiligten gewinnbringend sein. Es darf auch offenbleiben, wie der Weg dann weitergeht.
Sollte euer Arbeitgeber ein Downshifting nicht mittragen, ist dieser Punkt möglicherweise der wichtige Schritt weg zu einem besseren, weil verständigeren Arbeitgeber oder auch in eine Selbständigkeit.

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