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Gendern 2.0

Aus “Muttermilch“ wird “Menschenmilch“!

Foto: wes hicks xg / unsplash
Foto: wes hicks xg / unsplash

Geschlechtsneutrale Begriffe zu verwenden, bereitet vielen Menschen nach wie vor Probleme. Dabei ist es gar nicht so schwer zu gendern und damit einen Beitrag zur Gleichstellung von Männern, Frauen und Transmenschen zu leisten. Hier gilt es, die Macht der Sprache anzuerkennen und durch die Verwendung von geschlechtsneutralen Begriffen einen Beitrag zu gleichen Verhältnissen zu leisten. Es soll das Bewusstsein für die Macht der Sprache geweckt werden und es soll klar werden, dass es durch eine zeitgemäße Anpassung der Sprache möglich ist, hier selbst Verantwortung zu übernehmen.

Gendern – raus aus der Komfortzone

Menschen sind Gewohnheitstiere und bleiben gerne in ihrer Komfortzone. Das gilt auch für die Sprache. Alles, was neu ist, betrachten wir häufig mit Argwohn. Selbst in Bereichen, mit denen wir kaum Kontakt haben, wünschen wir uns, dass alles so bleibt wie es ist. Bei allem, was wir täglich nutzen und das trifft auf die Sprache zu, sehen wir Veränderungen besonders ungern. Aus diesem Grund sind Veränderungen in der Sprache auch häufig sehr umstritten. Allerdings ist Sprache ständig im Wandel. Es gibt immer wieder Veränderungen, da sich die Sprache an unseren Alltag anpassen muss. Das Gendern mag heute noch für Argwohn sorgen, in einigen Jahren könnte es ganz normal sein.

Gendern 2.0 – Aus “Muttermilch“ wird “Menschenmilch“! Foto: sharon mccutcheon / unsplash

Gendern 2.0 – Aus “Muttermilch“ wird “Menschenmilch“! Foto: sharon mccutcheon / unsplash

Geschlechtsneutrale Begriffe – wird aus "Muttermilch" bald "Menschenmilch"?

In Großbritannien wird derzeit intensiv über geschlechtsneutrale Begriffe diskutiert. Diese Diskussion hat es sogar bis in den Kreißsaal britischer Krankenhäuser geschafft. Um Rücksicht auf "Transgender" zu nehmen, sollen britische Hebammen andere Begriffe für das Stillen von Neugeborenen verwenden. Einige Universitätskrankenhäuser sollen laut britischer Medien großen Wert darauf legen, dass die geschlechtsneutrale Sprache in den Hebammenalltag einzieht. In Zukunft soll es nicht mehr "Stillen" beziehungsweise "die Brust geben" (Breastfeeding), sondern "Brustkorbfüttern" (Chestfeeding) heißen. Für den Begriff "Muttermilch" (auf Englisch "Breastmilk") soll der Begriff "Human Milk" beziehungsweise "Menschenmilch" oder "Milch vom stillenden Elternteil" in den Krankenhausalltag einziehen.

Sprachliche Inklusion ist das Ziel

Die Transgender-Sprachrichtlinien für Hebammen wurden vom Trust der Brighton und Sussex Universitäts-Krankenhäuser erlassen. Damit handelt es sich um das erste staatliche Krankenhaus in Großbritannien, das solche Sprachrichtlinien für Hebammen realisiert. Ziel dieser Richtlinien soll sein, dass sich auch "Transmänner", die ein Baby bekommen oder ein Baby stillen, inkludiert fühlen. Bei "Transmännern" handelt es sich aus biologischer Sicht um Frauen, die sich selbst als Mann sehen. Auch der Begriff "Mutter" soll nicht mehr uneingeschränkt verwendet werden. Empfohlen wird, den Begriff "Mutter" durch die Bezeichnung "gebärende Person" beziehungsweise "gebärendes Elternteil" zu ergänzen. Auch der Begriff "Vater" soll ersetzt beziehungsweise ergänzt werden. Hier werden dem Krankenhauspersonal und den Hebammen Bezeichnungen wie "Elternteil" oder "Co-Elternteil" nahegelegt.

Dieses neue Wording hat für einigen Wirbel gesorgt. So hat unter anderem die "Times" über die "trans-freundliche" Richtlinie des Krankenhauses berichtet. Viele zeigten sich von dem Vorstoß der Klinik genervt, da 99 Prozent der Gebärenden und Stillenden tatsächlich "die Brust geben" und an der Bezeichnung "Mutter" nichts auszusetzen haben. Die Leitung der Krankenhäuser will bei ihren Sprachrichtlinien bleiben, sagte jedoch, dass die Begriffe "Mutter" und "Mutterschaft" nicht vollständig abgeschafft, sondern ergänzt werden sollten. Brighton gilt als Hauptstadt der Transgender in Großbritannien.

Trans-freundliche Sprache im Krankenhausalltag

Bei vielen ist der Begriff "Muttermilch" im Sprachgebrauch fest verankert. In Großbritannien wird jedoch kritisiert, dass sich einige durch diese Bezeichnung ausgeschlossen und benachteiligt fühlen könnten. Geschlechtsneutrale Begriffe sollen für mehr Gleichberechtigung sorgen. Konkret werden Krankenhauspersonal und Hebammen der Universitätskliniken in Brighton und Sussex angehalten, geschlechtsneutrale Sprache zu verwenden, damit sich auch Transpersonen angesprochen fühlen. Die geschlechtsneutrale Sprache soll zum Standard werden. So sollen an den Krankenhäusern bereits E-Mails, Briefe und Broschüren entsprechend abgeändert werden. Auch in Geburtsvorbereitungen sollen transfreundliche Begriffe verwendet werden. Sollten nur cis-Frauen anwesend sein, dürfe man nach wie vor auf die Sprache der Frau zurückgreifen. Cis-Frauen sind Frauen, deren körperliches Geschlecht mit ihrer Geschlechtsidentität übereinstimmt. Etwa ein Prozent der britischen Bevölkerung soll sich selbst als "Transgender" oder "nicht-binär" bezeichnen. Nicht-binär bedeutet, dass man sich weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zuordnet.

 

Gendern – raus aus der Komfortzone / Foto: nyana stoica / unsplash

Gendern – raus aus der Komfortzone / Foto: nyana stoica / unsplash

Geschlechtsneutrale Begriffe – wie funktioniert Gendern eigentlich?

Möchtet ihr beim Sprechen oder Schreiben gendern und geschlechtsneutrale Begriffe verwenden, dann habt ihr verschiedene Möglichkeiten:

  • Ihr könnt beispielsweise einfach eine kleine Sprechpause zwischen dem Wort "Student" und dem "Innen" einfügen. In einem schriftlichen Text würde man dann zwischen "Student" und "Innen" einen Unterstrich, ein Sternchen oder einen Doppelpunkt machen. Eine weitere Möglichkeit wäre das "I" von "Innen" groß zu schreiben.
  • Alternativ kann man von "Studenten und Studentinnen" sprechen.
  • Eine weitere Möglichkeit wäre, geschlechtsneutrale Begriffe zu finden. So könnt man hier beispielsweise von "Studierenden" statt von "Studenten" sprechen.

Was spricht für das Gendern?

Für das Gendern spricht vor allem, dass Sprache einen großen Einfluss auf unser Denken und Handeln hat. Es wurden Studien mit Grundschulkindern gemacht, aus denen hervorgeht, dass es einen Unterschied macht, ob das generische Maskulinum oder die männliche und weibliche Form verwendet wird. Den Kindern wurden Berufe vorgelesen. Eine Gruppe bekam die Berufe im generischen Maskulinum (zum Beispiel Polizist) vorgelesen. Der anderen Gruppe wurden die Berufe in der männlichen und weiblichen Form vorgelesen. Die Mädchen, welchen die weibliche und männliche Form vorgelesen wurde, konnte sich viel eher vorstellen in Berufen zu arbeiten, die bis zu diesem Zeitpunkt noch als typisch männlich galten. Eine andere Studie kam zu einem ähnlichen Ergebnis und es zeigte sich, dass die Kinder die als "typisch männlich" geltenden Berufe auch als weniger schwierig und leichter erlernbar einschätzten. Die Mädchen trauten sich solche Berufe eher zu, wenn gegendert wurde.

Gibt es auch Argumente gegen das Gendern?

Gendern hat nicht nur Vorteile, es gibt auch einige Argumente gegen geschlechtsneutrale Begriffe. So kann das Gendern folgende Nachteile haben:

  • Gendergerechte Sprache kann die Verständlichkeit und Lesbarkeit von Texten beeinträchtigen. Texte können durch das Gendern länger werden, die Sonderzeichen behindern den Lesefluss und der Fokus kann dadurch vom Inhalt des Textes abgelenkt werden.
  • Nicht immer ist gendergerechte Sprache barrierefrei. Menschen mit einer Lesebehinderung oder blinde Personen sind häufig auf Programme angewiesen, die ihnen Texte vorlesen. Das Vorlesen von Texten mit Sonderzeichen funktioniert nicht optimal und so könnte sich diese Gruppe ausgeschlossen fühlen. Dabei soll die gendergerechte Sprache ja gerade verhindern, dass sich jemand ausgeschlossen fühlt.
  • Kritische Stimmen meinen, dass durch das Gendern die Geschlechterrollen erst recht betont werden. Durch das Gendern soll das ja eigentlich vermieden werden. Es soll deutlich werden, dass das Geschlecht keine Rolle spielt.

Wissenschaftliche Studien weisen darauf hin, dass gendergerechte Sprache durchaus zur Gleichberechtigung beitragen kann. Sprache beeinflusst unser Denken und damit unser Handeln.

Fazit

Sprache hat einen großen Einfluss auf unser Denken und Handeln. Wenn wir geschlechtsneutrale Begriffe benutzen, beziehen wir alle Geschlechter mit ein. Mit der Zeit werden dadurch unser Denken und Handeln gleichstellender. Studien zeigen unter anderem, dass es insbesondere in der Arbeitswelt bei der Gleichstellung von Männern und Frauen noch viel Luft nach oben gibt. Nach wie vor fühlen sich viele Frauen nicht gleichberechtigt behandelt. Gendergerechte Sprache ist ein Lernprozess, dessen Anfang wir gerade miterleben. Wir befinden uns sozusagen in der Testphase. Wir probieren geschlechtsneutrale Begriffe aus, beobachten, was dabei mit uns und unserer Sprache passiert und entscheiden dann, wie es weitergehen soll. Sprache hat sich schon immer verändert und wird sich auch immer wieder neuen Gegebenheiten anpassen. Mit der Zeit wird auch die gendergerechte Sprache für uns immer normaler werden und wir werden auch beim Lesen nicht mehr ständig über jedes Gender-Sternchen stolpern.

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